Wie wir zum Zoo-Menschen wurden

On 19. November 2014

Die Geschichte vom Zoo-Menschenzoo-human

Der junge Zoo-Mensch kommt in seiner für ihn normalen Umgebung zur Welt. Da seine Mitmenschen meinen, es sei zu gefährlich, auf dem Asphalt des Gehegebodens ohne Schutz zu laufen, bekommt er kurz nach seiner Geburt Schuhe unter seine sich noch in der Entwicklung befindenden kleinen Füße. Sie schützen ihn nicht nur, sondern sehen auch noch niedlich aus. Da der Zoo-Mensch zur sich darstellenden Rasse gehört und jeder Einzelne schöner als der andere sein möchte, bekommt das Kind auch ein besonders schönes Paar. Die Zoowärter, die über den Zoo-Menschen wachen, denken aber leider nicht nur an den Menschen, sondern vor allem an ihren Zoo und haben daher gerade am Zoo-Menschen ein besonderes Interesse.
Dieser hat nämlich Geld, das die Zoowärter gerne für ihren Zoo hätten. Da die Zoowärter wissen, dass die Vorfahren des Zoo-Menschen, als sie noch in der Wildnis lebten, stets versuchten Energie zu sparen, erfinden sie ganz viele nützliche Dinge, die dem Menschen viel Erleichterung versprechen. Sie erfinden Stühle, damit der Zoo-Mensch nicht mehr so anstrengend stehen und hocken muss, bequeme Schuhe, die das Gehen erleichtern und den Fuß nicht mehr so beanspruchen. Da sich der Zoo-Mensch naturgemäß trotzdem gerne fortbewegt, bekommt er Autos, Bahnen und Flugzeuge, damit er sich nun bequem im Sitzen durch sein Gehege bewegen kann. Außerdem braucht der Zoo-Mensch Nahrung. Auch hier zeigen sich die Zoowärter sehr kreativ und erfinden Lebensmittel, die dem Zoo-Menschen besonders gut schmecken. Lebensmittel, von denen er weiß, dass sie gerne und viel vom Zoo-Menschen gekauft werden und die für die Wärter selbst günstig herzustellen sind. Sie verschaffen dem Zoo-Menschen einige schöne Momente in seinem stressreichen Leben in Gefangenschaft. Die Zoo-Wärter sind nicht dumm und merken schnell, dass vor allem die kleinen Kinder auf die Leckereien reagieren. Dies machen sie sich gerne zu Nutze und richten sie mit ein wenig Training ab, sodass sie ihr Leben lang gerne ihre Produkte kaufen.
Aktiv zu sein und gebraucht zu werden, das ist der Zoo-Mensch aus seinem Leben in der Savanne noch gewohnt. Der Bewegung im Auslaufbereich zieht er aber lieber eine geistige Betätigung vor. Das bringt ihm einen Vorteil gegenüber den anderen Menschen und er kann sich individuell von Ihnen abheben. Das gefällt dem Zoo-Menschen so gut, dass er vollkommen in seiner Arbeit aufgeht und sich bis nach Sonnenuntergang abrackert. Schließlich macht er nichts anderes mehr als zu arbeiten, denn seine menschlichen Artgenossen könnten ja aufholen oder ihn gar überbieten.

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Nach einiger Zeit wird der Zoo-Mensch aber krank. Er leidet an Symptomen wie Rückenschmerzen, Herzinfarkt, Krebs, Depressionen, Burn-Out, Diabetes, chronischen Kopfschmerzen, Allergien, Ausschlägen. Auch seine Körperform hat sich seinem Sessel angepasst. Er ist irgendwie dick und schief geworden. Man kann nur noch erahnen, dass er einst mit dem drahtigen, aufrecht gehenden homo sapiens verwandt ist. Der Zoo-Mensch bemerkt dies. Zum Glück ist er intelligent und beginnt zu forschen, um seine Schäden mit Medikamenten reparieren zu können. Außerdem nimmt er sich für zwei Wochen im Jahr eine Auszeit und nutzt nun zweimal in der Woche die vom Zoowärter zur Verfügung gestellten Geräte im Fitnessgehege. Der Zoo-Mensch ist nach den vielen Jahren im Zoo verwöhnt und muss bei Laune gehalten werden, da er sich sonst schnell in seinem abwechslungslosen Leben langweilt. Daher erfinden die Zoowärter ständig neue Geräte und Angebote. Der Zoo-Mensch macht nun Verrenkungen, von denen niemand wusste, dass er sie kann. Er setzt sich in Trainingsgeräte mit Gewichten und lässt sich zusammen mit anderen anschreien, bis er vor Erschöpfung umfällt. Er hat das Gefühl, dass es ihm dadurch auch etwas besser geht. Zumindest bis zum nächsten Morgen. Trotzdem treten immer öfter Probleme auf und er wird immer kranker. Das ist aber bei allen Zoo-Menschen so, also findet der einzelne das nicht seltsam und macht unbeirrt weiter – so wie es alle tun.

Irgendwann fängt der Zoo-Mensch an, sich nach einem anderen, besseren Leben zu sehnen. Vielleicht, denkt er sich, ist er gar nicht für ein Leben in diesem Gehege gemacht. Doch selbst wenn er jetzt etwas verändern wollen würde, er wüsste gar nicht was, denn er ist bereits in der Gefangenschaft geboren und hat keine Vorstellung mehr davon, wie seine Vorfahren einst in freier Wildnis gelebt haben.

 

Ein Tag im Leben des homo-sapiens

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Der Tag eines homo sapiens beginnt bei Sonnenaufgang. Er bleibt gerne etwas länger liegen und startet langsam und gemütlich in den Tag. Wenn er sich aus seinem harten kargen Schlafgemach bewegt und seinen Unterschlupf verlässt, warten vermutlich schon die anderen aus seiner Sippe auf ihn, um auf die heutige Jagd zu gehen. Nach einer körperlich wie geistig anstrengenden Jagd kehrt er zurück. Die Vorbereitungen für das Essen beginnen. Jeder hat seine Aufgabe. Jetzt hocken alle beisammen und genießen ihre erste Mahlzeit des Tages. Nach dem Essen gilt es sich vom Vormittag zu erholen. Die Zeit wird mit sozialem Austausch und Spielen verbracht. Die Älteren bringen den Jüngeren bei, wie man sich in der Gruppe während der Hetzjagd verhält und messen nebenbei ihre Stärke in kleinen Wettkämpfen. Die Frauen erzählen sich Geschichten, Kinder tollen auf dem harten Boden der Steppe herum. Schuhe waren noch lange nicht erfunden. Nach dem abendlichen Essen aus gesammelten Früchten, Kräutern und Gemüse hält die Nachtruhe Einzug.

 

Sind das nur zwei erfundene Geschichten?

Der tief in uns verwurzelte Drang zu überleben, uns fortzupflanzen und unsere Spezies zu erhalten, beruht ursprünglich auf naturgegebenen, körperlichen Fähigkeiten. Das ist das einfachste Evolutionsgesetz nach Charles Darwin: Der Fittere überlebt und pflanzt sich fort. Nun hat sich der Mensch aber im Laufe der Zeit zu einem intelligenten Wesen entwickelt, das sich Vorteile gegenüber seiner Artgenossen erarbeiten konnte und von da an nicht mehr auf die Launen der Natur angewiesen war. Der Mensch musste nicht auf eine Veränderung seiner Erbmasse “warten” bis er z.B. die Fähigkeit bekam schneller laufen zu können. Er konnte nun Hilfsmittel erschaffen, die ihm den Wettbewerbsvorteil verschafften.
Heute wendet der Mensch seine Energie meist dafür auf, sich als Individuum von anderen zu unterscheiden, sich ihnen bestenfalls überlegen zu machen und seine Nachkommenschaft zu sichern. Das ist die Grundlage für alle großen Erfindungen und die Kriege. Heute stehen wir in einem permanenten Wettbewerb mit all den anderen erfolgreichen, schönen und glücklichen Menschen auf dieser Welt und wünschen uns, auch so zu sein. Egal wo wir auf der Leiter des vermeintlichen Erfolges stehen: es gibt immer bessere, zu denen wir neidisch aufschauen. Von der Gier getrieben erfüllen Erfindungen, geistige wie materielle, nur noch den Zweck, das Wachstum voran zu treiben und den Profit zu erhöhen. Ein selbstbestimmtes Leben ist eine Illusion der Marketingstrategen geworden, um mit unseren ureigenen Sehnsüchten zu spielen. Wie ein Tiger im Käfig sind wir gefangen durch die Vorgaben großer Konzerne und unserer Gesellschaft. So leben wir nun in einer Welt, die für uns zwar normal erscheint, mit unserem natürlichen Umfeld aber nichts mehr gemein hat.

Der Mensch als Spezies braucht nämlich nicht viel: Ein soziales Umfeld ohne Konkurrenzverhalten, eine Aufgabe in der Familie, der Gesellschaft oder zur Beschaffung von Nahrung, Bewegung, Erholung, guten Schlaf, Sex und etwas Spiritualität. Die glücklichsten und ältesten Völker dieser Erde haben meist nicht mehr als das.

Warum klingt das Leben in der Geschichte des homo sapiens für uns wie ein nahezu ziemlich perfektes Leben? Nach einem Leben, das wir so, wenn überhaupt, nur aus dem Urlaub kennen? Weil es unserer Natur entspricht. Ein perfektes Zusammenspiel aus Gemeinschaft, Anstrengung, Entspannung, Aufgaben und Ernährung. Zu beobachten ist diese Lebensweise noch heute bei einigen weitgehend unveränderten Naturvölkern, die noch nicht von der modernen Lebensweise beeinflusst wurden. Wir aber wollen mehr. In unserem Zoo glauben wir, dass der am glücklichsten ist, der am meisten von allem hat. fashionUnd wir übertreiben auch diese rudimentären Dinge ins Maßlose. Höher, schneller, weiter. Anstrengung bis zur Erschöpfung. Entspannung geht nur im Luxus-Spa, nur das beste Essen, aus Aufgaben werden Machtkämpfe auf der Karriereleiter, aus Gemeinschaft Konkurrenzkampf. Gewonnen hat, wer die meisten Dinge anhäufen kann, die meiste Macht hat, am schönsten ist, das tollste Outfit trägt und den exklusivsten Urlaub buchen kann, um sich schnell noch mal von den Strapazen des Lebens zu erholen.

Mit der Einschulung beginnt für uns der Ernst des Lebens, was konkret bedeutet: Stress, nicht nennenswerte Entspannung und dann wieder Stress. Der Stress unseres Lebens, der uns von nun an allgegenwärtig begleitet. Mal mehr und spürbar, mal weniger und im Unterbewusstsein lodernd. Wir ignorieren die physikalischen und biologischen Grundbedürfnisse und Voraussetzungen unseres Körpers. Wir ernähren, bewegen und schlafen so, wie es in das Konzept von Wirtschaft und Gesellschaft passt und nicht wie es in das Konzept unserer Spezies passt.

Wir verändern unsere natürlichen Rhythmen, schlafen nicht mehr in der Nacht oder lassen uns früh morgens brutal aus der regenerativen Tiefschlafphase rausreißen. Wir sind ständig müde, lassen unseren Körper verkümmern, stellen Modeerscheinungen und Lifestyle über unsere körperliche Gesundheit und … und… wofür noch mal? Ach ja, damit es uns irgendwann gut geht.

 

weiterführende Informationen:

http://www.originfit.de/warum-wir-zum-laufen-geboren-sind

http://www.originfit.de/wie-wir-den-Boden-unter-den-Füßen-verlieren

http://www.originfit.de/laufen-ist-wie-kiffen

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