Warum wir zum Laufen geboren sind

On 23. Juli 2014

perfect_runner_titelRennender Affe, so könnte man uns paläontologisch betrachtet bezeichnen. Denn vieles spricht dafür, dass schon unser früher Vorfahr homo erectus, der “aufrechte Mensch”, ein hervorragender Läufer war. Ausgestattet mit langen Beinen, einem aufrechten Torso, einem sensiblen Gleichgewichtssinn und einem starken Nackenband, mit Schulter und Armen verbunden. Letzteres ermöglichte ihm auch während des Laufens den Kopf ruhig zu halten und z.B. Beute zu fokussieren. Er war der erste Jäger, der nicht mehr wie seine Vorfahren im dichten Urwald lebte. Vor ca. 2 Mio. Jahren hatte sich seine Heimat Ostafrika schon zu einer Grasssavanne gewandelt. Homo erectus hatte noch keine Waffen. Er jagte mit einer viel einfacheren Methode: der Hetzjagd. Seine Beute waren vorzeitliche Gnus und Antilopen. Da sich diese Tiere hauptsächlich durch Hecheln abkühlten, fingen sie nach relativ kurzer Zeit im Dauergalopp an zu überhitzen oder mussten eine Pause zum Hecheln einlegen. Der Moment in dem homo erectus sein Beute erlegen konnte. Interessanterweise können wir ohne Probleme locker in einem Tempo laufen, bei dem viele Vierbeiner schon in eine andere Gangart wechseln müssen. Durch diese Jagdmethode konnte der Mensch nun viel eiweißreiche, tierische Nahrung bekommen. Wir entwickelten uns weiter, die Jagdtechniken verfeinerten sich und die Evolution brachte den wohl erfolgreichsten Langstreckenläufer dieses Planeten hervor: Homo sapiens.

Alles, einfach alles an uns ist dafür ausgelegt ausdauernd und weit zu gehen und zu laufen. Auch wenn wir nicht mehr zum Leben und Überleben laufen müssen, steckt in jedem von uns noch dieser Superläufer. Genauso wie in einem Hund auch nach unzähligen Kreuzungen noch immer der rennende Wolf steckt.

 

Die wichtigsten Merkmale, die uns zum perfekten Läufer machen:

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Schultern
Die Schulterpartie des Menschen ist natürlicherweise im Vergleich zum Schimpansen recht schmal. Das macht sie flexibel und mobil, womit sie die Laufbewegung ausgleichen kann und hilft den Rumpf in Balance zu halten.


Schweißdrüsen
Was für die meisten Menschen vor allem im Sommer einfach nur lästig erscheint, ist einer der wohl wichtigsten Gründe warum wir heute das sind, was wir sind. Denn nur durch die Fähigkeit des Schwitzens waren wir anderen Tieren in der Ausdauer überlegen. So konnten wir stundenlang laufen ohne zu überhitzen. Nicht mal trinken mussten wir, denn unser Wasservorrat reichte für viele Stunden auch unter körperlicher Belastung. Der Mensch besitzt ca. 2-4 Mio Schweißdrüsen, was uns zur einzigen Spezies auf diesem Planeten macht, die auch bei hohen Temperaturen und in der Mittagssonne stundenlang laufen kann.


Gleichgewichtsorgan

Der Vestibularapparat ist ein komplexes System aus Röhren, Flüssigkeiten, festen Körperchen und Sinneszellen, der sich in unserem Mittelohr befindet. Durch dieses (Mess)Instrument können wir Beschleunigungen und Richtungen bestimmen. Es ist eines der zentralen Sinnesorgane für unsere Fortbewegung. Außerdem hält es den Körper in Balance.


Metabolismus

Unser Stoffwechsel ist dazu prädestiniert Energie in Form von Fett zu speichern. Diese Energiereserven werden bis zu einem gewissen Grad gleichmäßig am Körper verteilt, wodurch sich der Schwerpunkt des Körpers nicht verändert und unser Bewegungsapparat nicht beeinflusst wird. Während unserer Parade-Disziplin, dem Ausdauer-Lauf, verbrennt der Körper hauptsächlich Fett, also unsere Reserven. Diese reichen erstaunlich lang. So kann ein normal schlanker Mensch, energetisch gesehen, jederzeit einen Marathon laufen. Auch trotz unseres exzellenten Schweißmechanismus kann er diese Distanz und sogar noch längere Distanzen zurücklegen, ohne Wasser von außen aufnehmen zu müssen, selbst bei großer Hitze.


Gesäß

NEIN, unser Hintern ist tatsächlich nicht so prächtig ausgestattet, damit wir bequem sitzen können! Das Gegenteil ist der Fall: Der Gluteus maximus ist unser größter Muskel und das nicht ohne Grund. Er ist der wichtigste Stabilisator in der menschlichen Laufbewegung. Er befähigt uns den Rumpf beim Laufen und sogar beim Sprinten gerade zu halten. Daher haben Sprinter auch meist so ein besonders ausgeprägtes Exemplar. Beim Gehen spielt das Gesäß übrigens keine Rolle.


Nackenband

Säugetiere lassen sich in zwei Kategorien unterteilen: Geher und Läufer. Die Geher, z.B. Schweine oder Primaten, haben kein Nackenband, da ihr Kopf nicht stabil gehalten werden muss. Läufer, wie Hund oder Pferd, besitzen hingegen eines. Und es gibt noch eine Spezies mit einem ausgesprochen starken Nackenband: den Menschen. Ohne dieses Band würde unser Kopf nach unten fallen, denn es verbindet ihn mit den Schultern und Armen. Setzt unser Fuß auf, zieht der Arm auf der gleichen Seite das Band nach unten und hält den Kopf somit oben.
Nur mit dieser Fähigkeit können wir während des Laufens unsere Umwelt beobachten, fokussieren, Situationen und Hindernisse bewerten.


Achillessehne
Einzigartig für unsere Spezies ist dieses elastische Band, das gleichzeitig das größte und stärkste im Bewegungsapparat ist. Zum Gehen findet es kaum Verwendung, in der Laufbewegung aber wird die Achillessehne nach unten gezogen und geladen wie ein Gummibandpropeller  in einem Modellflugzeug. Die geladene Energie wird beim Abstoß in einer explosiven (plyometrischen) Sprungbewegung frei, die Sehne schnellt zurück und gibt uns Vortrieb. Daran wird auch deutlich, dass Laufen nichts anderes ist als ein lockeres Hüpfen von einem Fuß zum anderen.


Kopfpartie

In der Kopfhaut unseres hinteren Schädels findet sich ein feines Ader-Geflecht, das überschüssige Wärme an die Luft abgeben kann.
Vermutlich dient es als effektives zusätzliches Kühlsystem. Dies passiert allerdings nur dann, wenn es benötigt wird. Das wir über unseren Kopf jedoch Wärme “verlieren” ist ein Mythos, der auf ein Arktis-Experiment zurückgeht (heute aber nicht mehr gehalten werden kann). Im Winter werden Füße, Hände und Kopf schnell kalt, einfach weil sie weit vom Rumpf entfernt sind.


primate-skeletonsKnie
Unser kräftiges Knie nimmt einen Teil der Energie auf, die beim Aufprall entsteht. Die Auflagefläche ist entsprechend groß. Neben der Stärke ist unser Knie im Vergleich zu Primaten nicht gerade unter dem Hüftgelenk. Der Oberschenkelknochen zeigt etwas nach außen, was uns ermöglicht unser Knie zu heben, während wir auf dem anderen Bein stehen können, ohne zur Seite umzufallen. Dadurch sind wir beim Laufen auch in dem Moment, in dem wir nur mit einem Bein Bodenkontakt haben, stabil. Ein Affe würde umkippen.


Unterarme

Unsere dünnen Unterarme können leicht schwingen und unterstützen die Balance. Durch ihr geringes Gewicht ist es ohne großen Kraftaufwand möglich sie in einer optimalen 90º-Position zu halten.


Rumpf
Bei vielen Vierbeinern schwappen die Organe beim Laufen wie Wasser in einer  Badewanne vor und zurück. Dabei wird Luft aus der Lunge gepresst und wieder eingezogen. Alle Vierbeiner können nur einen Atemzyklus pro Schritt machen. Nur der Mensch ist fähig, abhängig vom Pulsschlag zu atmen, denn er kühlt nicht wie die meisten Säugetiere über die Atemluft, sondern primär über den Schweiß. Der beste “wassergekühlte Motor”, den die Natur hervorgebracht hat.


Fuss
Dieses architektonische Meisterwerk der Evolution besitzt allein 26 Knochen, also ca. ein Viertel aller Knochen des menschlichen Körpers. Eine Vielzahl an Bändern, Muskeln und eine enorme Dichte an Nervenenden machen ihn zum wichtigsten Berührungspunkt mit der Erde. Er bildet unser Fundament auf dem wir stehen, gehen und laufen. Beim Laufen absorbiert allein das Fußgewölbe 15 % der Energie des Aufpralls, weitere 35 % nimmt das Fußgelenk auf.


Zehen

Vor allem die Funktion  des großen Zehs ist für unsere Fähigkeit, aufrecht zu stehen, zu gehen und zu laufen von großer Bedeutung. Er ist stabilisierender Anker für unseren Fuß und den gesamten Körper. Zugleich ist er letzter Berührungspunkt zum Boden und damit der Impulsgeber in der menschlichen Fortbewegung. Ein schwacher großer Zeh ist nicht selten  für Haltungsschäden von Fuß bis hin zum Nacken verantwortlich. Die anderen Zehen sind klein, so stören sie nicht beim Abrollen. Wären unsere Zehen so lang wie bei einem Affen, würden sie permanent brechen.

weiterführende Informationen:

http://www.originfit.de/wie-rueckenschmerzen-im-grossen-zeh-entstehen

http://www.originfit.de/wie-wir-den-Boden-unter-den-Füßen-verlieren

http://www.originfit.de/warum-uns-joggen-schmerzen-bereitet

 

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