Wie wir den Boden unter den Füßen verlieren

On 7. August 2014
Das erste, was ein neuer Erdenbürger instinktiv lernen will, ist Gehen. Das erste, was er wieder verlernt, ist Gehen.

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Schuhe zu tragen ist für uns so selbstverständlich wie Atmen. Kein Wunder, denn schon im Kleinkindalter bekommen wir die ersten Schuhe. Schuhe sollen verschiedene Funktionen erfüllen. Auch solche, von denen man vor hunderten von Jahren nicht mal wusste, dass man sie braucht. Sie sind vor allem aber auch eins: ein modisches Accessoire. Also ein Mittel, sich als Individuum von Artgenossen zu unterscheiden und sich von Ihnen abzuheben. Es gibt tatsächlich nur zwei Funktionen, die einen Schuh prinzipiell sinnvoll machen: Schutz vor Kälte und vor Schnittverletzungen. Wir aber haben von der Schuhindustrie und von Ärzten ein Grundverständnis aufgebaut, dass unsere Füße grundsätzlich fehlerhaft sind und besonderer Unterstützung, Federung und Polsterung bedürfen, damit wir gut laufen können. Würde ich Schuhe oder Einlagen verkaufen, wäre das auch mein Argument. Verängstigte Kunden und Patienten schnüren ihren diagnostizierten Senk-Spreizfuß dann brav in den extra unterstützenden Schuh, bestenfalls noch mit Einlagen. Was dann passiert ist mit einem Arm zu vergleichen, der nach einem Bruch in Gips gelegt wird. Er wir ruhig gestellt. Genauso ruhig, wie unsere Füße dann auf ihrem Fußbett liegen und kaum noch Arbeit verrichten müssen. In dieser Ruhelage werden Muskulatur, Sehnen, Bänder und Faszien nicht mehr benötigt und bilden sich zurück. Der Fuß verliert seine Form und Funktion. Schuhe sollen somit nicht den Zweck erfüllen, den Fuß zu fordern und ihn zu trainieren, sondern sollen ein bequemes Gefühl geben oder einfach nur gut aussehen. Da die Form unserer Schuhe nicht der ursprünglichen entspricht, kommt es durch teilweise extreme Auswüchse wie High Heels, aber auch normalem Schuhwerk zu Verformungen und Komprimierungen des Fußes, denn unsere Füße sind entgegen der landläufigen Meinung ein sehr flexibles und anpassungsfähiges Körperteil.

 

 Unser Fuß

Dieses architektonische Meisterwerk der Evolution besitzt allein 26 Knochen, also ca. ein Viertel aller Knochen des menschlichen Körpers. native-barefooter-feetEine Vielzahl an Bändern, Muskeln und eine enorme Dichte an Nervenenden machen ihn zum wichtigsten Berührungspunkt mit der Erde. Er bildet unser Fundament auf dem wir stehen, gehen und laufen. Beim Laufen absorbiert alleine das Fußgewölbe 15 % der Energie des Aufpralls, weitere 35 % nimmt das Fußgelenk auf.

 

 

Was ist an Schuhen denn so falsch? Schließlich tragen wir doch alle welche.

 

Vorfuß-Verengung 

shoed-feetBeinahe jeder Schuh läuft im Vorfußbereich rund oder spitz zu, wodurch die Zehen nach innen gedrückt werden. Der Große Zeh wird nach innen gedrückt und verliert seine Funktion als wichtigster Anker und stabilisierendes Element. Es entsteht der Hallux Valgus (siehe Bild). Die Belastung geht auf die mittleren Zehen über. Der Fuß wird instabil, was der gesamte Bewegungsapparat bis zum Nacken ausgleichen muss und Fehlbelastungen entstehen. Außerdem entstehen der Senk-Spreizfuss und Schmerzen im Mittelfußknochen, die auch auf den zusammengedrückten Nervenenden beruhen können. Bei langer Belastung können Marschfrakturen (feine Brüche im Mittelfußknochen) auftreten.

 

 

Die_Frau_als_Hausärztin_(1911)_100_102_FußformenWir verlieren den Boden unter uns 

Bei Turnschuhen, Sneakers und den meist schicken Herrenschuhen zeigt die Spitze nach oben. Die Zehen hängen also in der Luft und verlieren ihren Bodenkontakt. Damit können sie ihre kontrollierende und stützende Arbeit nicht mehr verrichten. Die Muskulatur der Zehen wird geschwächt, was dazu führt, dass wir sogar ohne Schuhe keinen echten Bodenkontakt mehr über unsere Zehen haben. Auf Druckmessplatten sieht man bei westlichen Menschen keinen großen Zeh mehr. Das Körpergewicht verlagert sich hauptsächlich auf die Ferse. Wir verlernen richtig zu stehen, belasten unsere Füße falsch und die Fehlhaltung pflanzt sich im Körper fort. Und wir wundern uns, woher die Schmerzen in Rücken, Schulter und Nacken kommen.

 

Sprengt den Absatz

Absätze gibt es fast bei jeder Form von Schuhen. Ob als sogenannte Sprengung bei Sportschuhen und Sneakers oder als modischer Absatz, der uns größer und ein schlankes Bein machen soll. Absätze setzen die komplette biomechanische Funktion des Fußes und damit des gesamten Bewegungsapparates außer Kraft.

sprengungDie dauerhaft erhöhte Ferse führt zu einer Behinderung im Abrollmechanismus, was unser Fußgelenk veröden lässt und seinen Bewegungsradius extrem einschränkt. Der Druck auf den tiefer liegenden Vorfuß wird erhöht und presst ihn in die enge Form des Schuhes (siehe oben). Der Fuß wird insgesamt zusammengeschoben, was die Zehen nach hinten schiebt und die sogenannten Hammerzehen entstehen lässt. Die Muskulatur ist entsprechend verkürzt und alle Zehen werden lahm gelegt. Gehen, Stehen und Laufen findet nur noch über Ferse und Ballen statt. Außerdem wird das Fußgewölbe zusammengestaucht, was wiederum zu einer unausgeglichenen Druckverteilung führt. Das Fußgewölbe wird steif und kann seine Aufgabe als federndes Element nicht mehr erfüllen. Durch die erhöhte Position der Ferse, auch wenn es nur einige Millimeter sind, wird die Achilles-Sehne und Wadenmuskulatur verkürzt und verliert an Flexibilität. Entzündungen der Achillessehne (Tendinitis, die moderne Pilger-Krankheit) sind bei ungewohnt hoher Belastung eine Folge der verkürzten Achillessehne. Durch das Polster unterm Schuh kommt es außerdem zu einer Überbelastung der Ferse, da unser Gehirn die Dämpfung als weichen Untergrund interpretiert. Die Aufprallkräfte bleiben aber trotzdem gleich. Infolge dessen werden auch das Knie und das Becken in Mitleidenschaft gezogen. Bei der natürlichen Laufbewegung nehmen das Fußgewölbe und die Achillessehne allein 50 % der Stoßenergie auf. Wird dieser Mechanismus durch gepolsterte Fersen ausgehebelt, geht diese Energie mit voller Wucht auf unsere Knie, Hüfte, Wirbelsäule und Nacken.

 

Fußbett 

Besonders gesund für unsere Füße soll ja ein gutes Fußbett sein. Hier kommt wieder das Beispiel des Gipsarmes zum Tragen. Nur wird hier unser Fußgewölbe getragen. Unsere Knochen, Muskeln, Bänder und Faszien brauchen Bewegung und Beanspruchung, um funktionieren zu können. Bekommen sie diese nicht, verkümmern sie.

Vieles, was uns angenehm erscheint, weil es gepolstert und weich ist oder unterstützend wirkt, lässt unseren Körper in Wirklichkeit auf Dauer verkümmern. Wie auf einer weichen Matratze liegt unser Fuß wohlgebettet und muss fast nichts mehr tun. Die Muskulatur hält die Spannung in unserem einzigartigen architektonischen Meisterwerk nicht mehr aufrecht und die Gewölbestruktur kollabiert. Es wirkt nicht mehr als Stoßfänger. Hinzukommen schwerwiegende Folgen: Plattfuß, Fersensporn, Entzündungen der Plantarsehne (Plantarfasziitis) und vieles mehr.

Natural-vs-Normal-Feet

Fazit 

unshod-footvs-shod-footUnsere Füße bilden das Fundament, auf dem wir stehen, gehen und laufen. Schon von klein auf wird ihnen aber die Chance genommen, sich natürlich zu entwickeln. Außer am Strand wandeln wir in Schuhen, die die ursprüngliche Funktion unserer Füße nicht adaptiert, sie verkümmern lassen und verformen. Neben den Deformierungen, die wir heute schon als ganz normale Form eines Fußes wahrnehmen, verlieren wir schon nach ein paar Jahren auf dieser Welt wieder die Fähigkeit, uns richtig und gesund zu bewegen. Wir leiden unter Rücken-, Nacken- und Kopfschmerzen und quälen uns mit Beschwerden in der Hüfte, dem Becken und den Füßen. Behandelt werden aber nur die Symptome und Stellen, an denen der Schmerz auftritt. Wir stärken unsere Rücken im Fitnessstudio oder geben unseren Füßen bei Schmerzen noch mehr Unterstützung durch Einlagen, anstatt unsere Füße zu stärken und zu trainieren. Unser Bewegungsapparat fängt beim großen Zeh an und hört im Schädel auf. Wer sein Haus nicht auf ein ordentliches Fundament baut, wird nicht viel Freude an ihm haben. Denn das Verspachteln der Risse in den Wänden wird die schiefen Wände nicht wieder ins Lot bringen.

Sicher ist es nicht leicht, sich von vielen gesellschaftlichen Regeln zu trennen und nur noch barfuß durch die Gegend zu laufen. Wem seine Gesundheit aber wichtiger ist als schick auszusehen, der sollte so oft wie irgend möglich auf seine Schuhe verzichten und seine Füße trainieren. Und zum Glück gibt es heute schon wunderbares und konventionell anmutendes Schuhwerk, das die Funktionalität unserer Füße respektiert, sich ihnen anpasst und nicht umgekehrt.

weiterführende Informationen:

http://www.originfit.de/warum-wir-zum-laufen-geboren-sind

http://www.originfit.de/der-zoo-mensch

http://www.originfit.de/nicht-geboren-um-zu-sitzen

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